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Wissenschaftliche Hintergründe zur Adipositasprävention

Steigende Prävalenz von Übergewicht

Die Prävalenz von Adipositas im Kindesalter steigt stetig. In den westlichen Industrienationen hat sich Adipositas (Fettleibigkeit)aufgrund der steigenden Prävalenz bei Kindern zu einem vordringlichen Public-Health-Problem entwickelt, da je nach Definition zwischen 10 und 20 Prozent der Vorschulkinder als übergewichtig gelten und sich die Adipositas in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt hat. Adipositas bedeutet, dass die Körperfettmasse über das normale Maß hinaus erhöht ist. Dies kann nur geschehen, wenn die Energiezufuhr über einen längeren Zeitraum größer ist als die Energieabgabe (Wabitsch 2001). Das erste Grundgesetz der Thermodynamik besagt, dass der Energiegehalt eines Körpers oder eines biologischen Systems nur zunehmen kann, wenn ein Ungleichgewicht zwischen Zufuhr und Abgabe besteht.

 

Heute ist die gebräuchlichste Kennziffer zur Bestimmung von Übergewicht der Body Mass Index (BMI). Er setzt das Körpergewicht zur quadrierten Körperlänge in Beziehung und weist damit vertretbare Korrelationen mit dem Körperfettanteil auf: Gewicht (kg) / [Länge (m)]². Erwachsene mit einem BMI > 25 gelten als übergewichtig, bei einem BMI > 30 spricht man von Adipositas. In der wissenschaftlichen Literatur wird für internationale Vergleiche meist das Referenzsystem von Cole (Cole et al. 2000) verwendet, das auch von der International Obesity Task Force (IOTF), der European Childhood Obesity Group (ECOG) und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) empfohlen wird. Cole hat Daten von 192.727 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0-25 Jahren aus Brasilien, Großbritannien, Hong Kong, den Niederlanden, Singapur und den USA ausgewertet. Für das Alter von 2-18 Jahren wurde eine geeignete alters- und geschlechtsabhängige Normtabelle erstellt. (Tabelle 1). Nachstehend ein Auszug der Normtabelle für Kinder im Kindergartenalter.

 

 

Tabelle 1: BMI-Tabelle nach Cole (Cole et al. 2000) in numerischer Form für Jungen und Mädchen

Alter
in Jahren
 
BMI äquivalent zu
Erwachsenen 25 kg/m²
= übergewichtig
BMI äquivalent zu
Erwachsenen 30 kg/m²
= adipös
männlich
weiblich
männlich
weiblich
3
17,89
17,56
19,57
19,36
3,5
17,69
17,40
19,39
19,23
4
17,55
17,28
19,29
19,15
4,5
17,47
17,19
19,26
19,12
5
17,42
17,15
19,30
19,17
5,5
17,45
17,20
19,47
19,34
6
17,55
17,34
19,78
19,65
6,5
17,71
17,53
20,23
20,08



BMI-Rechner

Den BMI Ihres Kindes können Sie beispielsweise auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berechnen. Der BMI-Rechner zeigt nach Eingabe von Körpergewicht, -größe, Alter und Geschlecht sofort an, ob das betreffende Kind normalgewichtig, über- oder untergewichtig ist. 

 

 

Einflussfaktoren der Adipositas

Bei der kindlichen Adipositas handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung. Einerseits gibt es eine individuelle Prädisposition in Form einer niedrigeren Grundumsatzrate, Thermogenese oder geringeren Verbrennung bei Bewegung bzw. auch Veränderungen im Leptinspiegel (vgl. Lembertas et al., 1997). Die Lebensverhältnisse in einer hoch industrialisierten Welt sind in der Regel durch Wohlstand und Überfluss gekennzeichnet. Dagegen ist die Ernährung vielfach energie- und fettreich, die körperliche Aktivität dagegen gering. Die Portionsgrößen steigen, viele Süßigkeiten werden zunehmend in Großpackungen verkauft. Da die normale Varianz des Stoffwechsels groß ist, treffen Überernährung und Bewegungsarmut einzelne Kinder in unterschiedlicher Weise. Die interindividuelle Varianz des Stoffwechsels (Energieverbrauch, Fettverbrennung, Insulinsensitivität) ist genetisch bestimmt. (Vgl. Asbeck et al., 2000) Natürlich spielen zusätzliche Faktoren eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel die allgemeine Bewegungsaktivität oder die Teilnahme an Sportvereinen. Aber auch die Menge und Zusammensetzung der zugeführten Nahrung und das tägliche Spielen am Computer oder Sitzen vor dem Fernseher, mit zum Teil nebenbei verzehrten Snacks, tragen maßgeblich zur Entstehung bzw. Aufrechterhaltung der kindlichen Adipositas bei. Diese Faktoren, die auch eng mit der Inaktivität zusammen hängen, lassen sich allerdings nicht unabhängig von der allgemeinen psychosozialen Befindlichkeit, der sozialen Eingebundenheit, den familiären Werthaltungen und Verhaltensmustern (zum Beispiel 'Wir essen nicht gemeinsam am Tisch!') sowie den gesamtgesellschaftlichen Gepflogenheiten betrachten.

 


Folgerisiken einer Adipositaserkrankung im Kindesalter

Die Adipositas bei Kindern ist nicht nur sehr weit verbreitet, sondern weist zudem auch noch eine hohe Neigung zum Bestehen bleiben bis ins Erwachsenenalter auf, was die Gefahr von Folgeerkrankungen mit sich bringt.

Prospektive Studien zeigen, dass aus rund 50 Prozent adipöser Kinder auch adipöse Erwachsene werden (z. B. Dietz 1998). Mit zunehmendem Alter der Betroffenen werden auch die psychosozialen Folgen schwerwiegender. Verhaltensmuster, die als relevant bei der Entstehung und Persistenz der Adipositas diskutiert werden, verfestigen sich und lassen sich nur mehr sehr schwer korrigieren.

 

Kurz: adipös zu sein, verkürzt die Lebenserwartung. Die Ursachen erhöhter Mortalität sind vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfälle, Diabetes Typ II mit seinen Folgen (Willet, Manson, 1995). Das Morbiditätsrisiko kindlicher Adipositas führt zu Fettstoffwechsel- und Wachstumsstörungen. Zudem können erhebliche respiratorische und eine Reihe von orthopädischen Schwierigkeiten auftreten (Wirth 2000). Aus diesen schwerwiegenden Problemen ergibt sich die Frage nach einer geeigneten Adipositasprävention. Dies führt zu folgender Hypothese: Je früher eine wirkungsvolle verhaltens- und verhältnisorientierte Prävention beginnt, desto nachhaltiger kann sie den kindlichen Lebensstil beeinflussen. Dadurch können auch die hohen Kosten von 11 Mrd. Euro (Kuhn et al. 2005), die durch Adipositas bedingte Kassenleistungen entstehen, gesenkt werden. Dies entspricht bei ca. 225 Mrd. Euro Gesamtausgaben im Bereich der Krankenkassenversorgung, wie sie im Jahre 2002 geschätzt wurden (Kuhn et al. 2005), fünf Prozent der Ausgaben, die alleine durch Adipositas entstehen.

 


Zeitpunkt des Auftretens der Adipositas

In einer Studie von Unger et al. (Unger, Kreeger, Christoffel 1990) wurde festgestellt, dass Kindern, die im Alter von 7 Jahren adipös waren und dies auch bis in das Erwachsenenalter blieben, bereits im Alter von 4 Jahren ebenfalls übergewichtig waren. Vergleichbare Ergebnisse lieferte die Untersuchung von Freedman (Freedman et al. 1987) im Rahmen der Bogalusa Heart Studie: Extrem adipöse Kinder waren bereits mit vier Jahren als übergewichtig aufgefallen. Beide Studien unterstreichen die Notwendigkeit, in der Gruppe der Kindergartenkinder zu intervenieren, die Gewichtsentwicklung genau zu beobachten und mit präventiven Maßnahmen sehr früh zu beginnen.

Arbeiten von Rolland-Cachera (Rolland-Cachera et al. 1984) unterstreichen ebenfalls die Bedeutung des Kindergartenalters für die Entstehung von Adipositas. Sie prägte den Ausdruck des "Early adiposity rebound". Darunter versteht sie einen ungewöhnlich frühen Zeitpunkt des Wiederanstiegs der BMI-Kurve nach dem Absinken in der Zeit nach dem ersten Lebensjahr. Physiologisch kommt es nach dem ersten Lebensjahr im Rahmen der Gewichts- und Längenentwicklung zu einem deutlichen Absinken des BMI. Normalerweise steigt dieser erst wieder nach dem siebten Lebensjahr an. Findet eine Zunahme bereits früher statt, im zweiten oder dritten Lebensjahr, so ist es wahrscheinlich, dass sich eine deutliche Adipositas etwa ab dem vierten Lebensjahr entwickeln wird (Zwiauer 2003).

 


Grundsätze der Adipositasprävention

Um steigende Inzidenzzahlen juveniler Adipositas präventiv zu senken, ist eine multimodale Vorgehensweise erforderlich. Da das Kleinkindesalter für die Entstehung einer Adipositas kritisch ist (siehe Bogalusa Heart Studie, Freedman et al. 1987), muss eine effektive primäre Prävention im Kindergarten beginnen. Präventive Maßnahmen zielen letztlich auf eine ausgeglichene bzw. bei bereits bestehendem Übergewicht negative Energiebilanz. Die beiden Ansatzpunkte sind Steigerung der körperlichen Aktivität und Ernährungsmodifikation in kleinen, für Kinder realisierbaren Schritten. Durch die Erhöhung des Energieverbrauchs oder eine eingeschränkte Energieaufnahme und sinnvoll gestalteter Nährstoffrelationen kann die Energiebilanz ausgeglichen bzw. ins Negative gekehrt werden. Die Kinder sollen einen aktiven Lebensstil mit bewegter Freizeitgestaltung und einem positiven Körperbewusstsein einüben, was nur durch eine zusätzliche dauerhafte Änderung auch der engeren sozialen Umgebung des Kindes gelingt. Zur Ernährungsmodifikation sind Aspekte wie Reduktion des Fettkonsums, Gewöhnung an natürlich fettarme, nährstoffreiche Produkte und Wiedereinführung einer Tischkultur mit selbst zubereiteten Speisen an einem ansprechend gestaltetem Esstisch relevant. Darüber hinaus muss ein Programm zur Adipositasprävention langfristig angelegt sein, um nachhaltige Erfolge zu erzielen. Aus all den zuvor genannten Gründen eignet sich die Kindergartenzeit am besten für eine Prävention, da auch die Eltern in dieser Zeitspanne noch einfach erreichbar und gut motivierbar sind. Eine Studie von Epstein zeigte, dass der Erfolg einer Adipositasprävention maßgeblich von der Mitarbeit des kindlichen Umfelds abhängt, denn seine an Eltern gerichtete therapeutische Maßnahme bewirkte einen zusätzlichen signifikanten Einfluss auf den kindlichen Therapieerfolg (Epstein 1996).

 

Auf all diesen Grundsätzen einer sinnvollen frühzeitigen Adipositasprävention basiert das Projekt "TigerKids – Kindergarten aktiv", eine Adipositasprävention im Vorschulalter und ist eine geeignete Maßnahme zur Senkung der Adipositasinzidenz bei Kindern.

 

 

Quellennachweis

1. Asbeck I., Grund A., Langnäse K., Mast M., Müller M. J., Die Kieler Adipositaspräventions-studie (KOPS) – Ein Erfahrungsbericht. In: Kindheit und Entwicklung, 2, 108-115, 2000

 

2. Cole T. J., Bellizzi M. C., Flegal K. M., Dietz W. H., Establishing a standard definition for child overweight and obesity worldwide: international survey. In: BMJ (2000) 320, 1240-1243, London, 2000

 

3. Dietz W. H., Childhood weight affects adult morbidity and mortality. In: The Journal of Nutrition, 128, 411-414, 1998

 

4. Epstein L. H., Family-based behavioral intervention for obese children. In: Int. J. Obes. Relat. Metab. Disord. 20, 14-21, 1996

 

5. Freedman D. S., Shear C. L., Burke, G. L., Srinivasan S. R., Webber, L. S., Harsha D. W., Berenson G. S., Persistence of juvenile-onset obesity over eight years: The Bogalusa Heart Study. Am J Public Health 77, 588-592, 1987

 

6. Kuhn J., Wildner M., Gesundheitsmonitor Bayern. Übergewicht und Adipositas bei Kindern in Bayern. Hrsg. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Erlangen, 2005

 

7. Rolland-Cachera M.-F., Deheeger M., Bellisle F., Sempe M., Guilloud-Bataille M., Patois E., Adiposity rebound in children: a simple indicator for predicting obesity. Am J Clin Nutr 39, 129 – 135, 1984

 

8. Unger R., Kreeger K., Christoffel K., Childhood Obesity. Clinical Pediatrics 29, 368-373, 1990

 

9. Willet W. C., Manson J. E., Epidemiological studies of health risks due to excess weight. In: K. D. Kelley & c. G. Fairburn (Eds.), Eating disorder and obesity (pp. 396-405), New York: Guilford, 1996

 

10. Zwiauer K., Adipositas im Kindes- und Jugendalter - Prävention und Therapie, in: Adipositas - Ursachen und Therapie, Hrsg. Wechsler J. G., Blackwell Verlag, 213 - 228, Berlin, 2003