Wissenschaftliche Hintergründe zur Adipositasprävention

Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Nach neuesten Untersuchungen sind 15,4% der 3 bis 17-Jährigen in Deutschland übergewichtig und 5,9% adipös (KIGGS Welle 2, 2014-2017). Adipositas bedeutet, dass die Körperfettmasse über das normale Maß hinaus erhöht ist. Dies kann nur geschehen, wenn die Energiezufuhr über einen längeren Zeitraum größer ist als die Energieabgabe (Wabitsch 2001). Die hohen Zahlen von Übergewicht und Adipositas im Kinder-und Jugendalter stellen weltweit ein vordringliches Public-Health-Problem dar.

Die gebräuchlichste Kennziffer zur Bestimmung von Übergewicht ist der Body Mass Index (BMI). Er setzt das Körpergewicht zur quadrierten Körperlänge in Beziehung und weist damit vertretbare Korrelationen mit dem Körperfettanteil auf: Gewicht (kg) / [Länge (m)]². Erwachsene mit einem BMI über 25 gelten als übergewichtig, bei einem BMI über 30 spricht man von Adipositas. In der wissenschaftlichen Literatur wird für internationale Vergleiche meist das Referenzsystem von Cole (Cole et al. 2000) verwendet, das auch von der International Obesity Task Force (IOTF), der European Childhood Obesity Group (ECOG) und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) empfohlen wird. Cole hat Daten von 192.727 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0-25 Jahren aus Brasilien, Großbritannien, Hong Kong, den Niederlanden, Singapur und den USA ausgewertet. Für das Alter von 2-18 Jahren wurde eine geeignete alters- und geschlechtsabhängige Normtabelle erstellt (Tabelle 1). Nachstehend ein Auszug aus dieser Normtabelle für Kinder im Kindergartenalter.


Tabelle 1: BMI-Tabelle nach Cole (Cole et al. 2000) in numerischer Form für Jungen und Mädchen

Alter
in Jahren
 
 
BMI äquivalent zu
Erwachsenen 25 kg/m²
= übergewichtig
BMI äquivalent zu
Erwachsenen 30 kg/m²
= adipös
männlich
weiblich
männlich
weiblich
3
17,89
17,56
19,57
19,36
3,5
17,69
17,40
19,39
19,23
4
17,55
17,28
19,29
19,15
4,5
17,47
17,19
19,26
19,12
5
17,42
17,15
19,30
19,17
5,5
17,45
17,20
19,47
19,34
6
17,55
17,34
19,78
19,65
6,5
17,71
17,53
20,23
20,08

BMI-Rechner

Den BMI Ihres Kindes können Sie beispielsweise auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berechnen. Der BMI-Rechner zeigt nach Eingabe von Körpergewicht, -größe, Alter und Geschlecht sofort an, ob das betreffende Kind normalgewichtig, über- oder untergewichtig ist. 

Einflussfaktoren der Adipositas

Bei der kindlichen Adipositas handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung. Zum einen gibt es eine individuelle genetische Komponente, bei der beispielsweise Veränderungen im Leptinspiegel auftreten, einem Hormon, das unsere Sättigung beeinflusst (Xia et al., 2013). Zum anderen ist die Ernährung vielfach energie- und fettreich, die körperliche Aktivität dagegen gering. Die Portionsgrößen steigen, viele Süßigkeiten werden zunehmend in Großpackungen verkauft. Auch eine wachsende Energiedichte der Lebensmittel und ein Anstieg der Essgelegenheiten tragen bei zu Übergewicht und Adipositas (Duffey et al., 2011). Da die normale Varianz des Stoffwechsels groß ist, treffen Überernährung und Bewegungsarmut einzelne Kinder in unterschiedlicher Weise. Natürlich spielen zusätzliche Faktoren eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel die allgemeine Bewegungsaktivität oder die Teilnahme an Sportvereinen. Aber auch die Menge und Zusammensetzung der zugeführten Nahrung und das tägliche Spielen am Computer oder Sitzen vor dem Fernseher, mit zum Teil nebenbei verzehrten Snacks, tragen maßgeblich zur Entstehung bzw. Aufrechterhaltung der kindlichen Adipositas bei. Diese Faktoren, die auch eng mit der Inaktivität zusammen hängen, lassen sich allerdings nicht unabhängig von der allgemeinen psychosozialen Befindlichkeit, der sozialen Eingebundenheit, den familiären Werthaltungen und Verhaltensmustern (zum Beispiel 'Wir essen nicht gemeinsam am Tisch!') sowie den gesamtgesellschaftlichen Gepflogenheiten betrachten.


Folgerisiken einer Adipositaserkrankung im Kindesalter

Die Adipositas bei Kindern ist nicht nur sehr weit verbreitet, sondern weist zudem auch noch eine hohe Neigung zum Bestehen bleiben bis ins Erwachsenenalter auf, was die Gefahr von Folgeerkrankungen mit sich bringt.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass übergewichtige Kinder dazu tendieren, auch im Erwachsenenalter übergewichtig zu sein (Nadeau et al., 2011). Mit zunehmendem Alter der Betroffenen werden auch die psychosozialen Folgen schwerwiegender. Verhaltensmuster, die als relevant bei der Entstehung und Persistenz der Adipositas diskutiert werden, verfestigen sich und lassen sich nur schwer korrigieren.

Kurz: Adipös zu sein, verkürzt die Lebenserwartung!

Die Ursachen erhöhter Mortalität sind vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfälle. Übergewicht und Adipositas im Kindesalter bergen ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen (Llewellyn et al., 2016). Bei übergewichtigen und adipösen Kindern finden sich, im Vergleich zu Gleichaltrigen, häufiger Risikofaktoren, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöhten Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und Störungen des Glucosestoffwechsels verursachen (Friedemann et al, 2012).

Aus diesen schwerwiegenden Problemen ergibt sich die Frage nach einer geeigneten Adipositasprävention. Dies führt zu folgender Hypothese: Je früher eine wirkungsvolle verhaltens- und verhältnisorientierte Prävention beginnt, desto nachhaltiger kann sie den kindlichen Lebensstil beeinflussen. Laut einer Studie des Helmholtz Zentrums München steigen bei Adipositas mit einem BMI von über 35 kg/m2 die Kosten für das Gesundheitssystem um 50% an. Kosten, die durch Arbeitsunfähigkeit verursacht werden, erhöhen sich allerdings schon bei Personen mit Übergewicht (Yates N., 2016).


Zeitpunkt des Auftretens der Adipositas

In einer Studie von Nader et al. (Nader et al., 2006) mit 1042 Kindern aus den USA, zeigte sich, dass 60% der Kinder, die schon im Kindergartenalter übergewichtig waren, dies auch mit 12 Jahren blieben. Übergewicht und Adipositas im Jugendalter gelten als Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter (Whitaker et al., 1997). Beide Studien unterstreichen die Notwendigkeit, in der Gruppe der Kindergartenkinder zu intervenieren, die Gewichtsentwicklung genau zu beobachten und mit präventiven Maßnahmen sehr früh zu beginnen.

Die Arbeiten von Rolland-Cachera (Rolland-Cachera et al. 1984) betonen ebenfalls die Bedeutung des Kindergartenalters für die Entstehung von Adipositas. Sie prägte den Ausdruck des "Early adiposity rebound". Darunter versteht sie einen ungewöhnlich frühen Zeitpunkt des Wiederanstiegs der BMI-Kurve nach dem Absinken in der Zeit nach dem ersten Lebensjahr. Physiologisch kommt es nach dem ersten Lebensjahr im Rahmen der Gewichts- und Längenentwicklung zu einem deutlichen Absinken des BMI. Normalerweise steigt dieser erst wieder nach dem siebten Lebensjahr an. Findet eine Zunahme bereits früher statt, im zweiten oder dritten Lebensjahr, so ist es wahrscheinlich, dass sich eine deutliche Adipositas etwa ab dem vierten Lebensjahr entwickeln wird (Zwiauer, 2003).


Grundsätze der Adipositasprävention

Um steigende Inzidenzzahlen juveniler Adipositas präventiv zu senken, ist eine multimodale Vorgehensweise erforderlich. Da das Kleinkindesalter für die Entstehung einer Adipositas kritisch ist, muss eine effektive primäre Prävention im Kindergarten beginnen. Präventive Maßnahmen zielen letztlich auf eine ausgeglichene bzw. bei bereits bestehendem Übergewicht negative Energiebilanz.

Die beiden Ansatzpunkte sind Steigerung der körperlichen Aktivität und Ernährungsmodifikation in kleinen, für Kinder realisierbaren Schritten. Durch die Erhöhung des Energieverbrauchs oder eine eingeschränkte Energieaufnahme und sinnvoll gestalteter Nährstoffrelationen kann die Energiebilanz ausgeglichen bzw. ins Negative gekehrt werden. Die Kinder sollen einen aktiven Lebensstil mit bewegter Freizeitgestaltung und einem positiven Körperbewusstsein einüben, was nur durch eine zusätzliche dauerhafte Änderung auch der engeren sozialen Umgebung des Kindes gelingt. Zur Ernährungsmodifikation sind Aspekte wie Reduktion des Fettkonsums, Gewöhnung an natürlich fettarme, nährstoffreiche Produkte und Wiedereinführung einer Tischkultur mit selbst zubereiteten Speisen an einem ansprechend gestaltetem Esstisch relevant. Darüber hinaus muss ein Programm zur Adipositasprävention langfristig angelegt sein, um nachhaltige Erfolge zu erzielen. Daher eignet sich die Kindergartenzeit am besten für eine Prävention, denn auch die Eltern sind in dieser Zeitspanne noch einfach erreichbar und gut motivierbar. Der Erfolg einer Adipositasprävention hängt maßgeblich von der Mitarbeit des kindlichen Umfeldes ab, denn an die Eltern gerichtete therapeutische Maßnahmen bewirken einen zusätzlichen Einfluss auf den kindlichen Therapieerfolg (Kruk et al., 2013).

Auf all diesen Grundsätzen einer sinnvollen frühzeitigen Adipositasprävention basiert das Programm "TigerKids – Kindergarten aktiv", eine Adipositasprävention im Vorschulalter und ist eine geeignete Maßnahme zur Senkung der Adipositasinzidenz bei Kindern.

Quellennachweis

  1. Cole T. J., Bellizzi M. C., Flegal K. M., Dietz W. H. Establishing a standard definition for child overweight and obesity worldwide: international survey. BMJ (2000) 320, 1240-1243, London
  2. Duffey KJ,Popkin BM, Energy density, portion size, and eating occasions: contributions to increased energy intake in the United States, 1977-2006., Plos Med (2011);8;e1001050
  3. Freedman D. S., Shear C. L., Burke, G. L., Srinivasan S. R., Webber, L. S., Harsha D. W., Berenson G. S., Persistence of juvenile-onset obesity over eight years: The Bogalusa Heart Study. Am J Public Health (1987) 77, 588-592
  4. Friedemann C, Heneghan C, Mahtani K, Thompson M, Perera R, Ward AM. Cardiovascular disease risk in healthy children and its association with bodymass index: systematic review and meta-analysis. BMJ (2012) 345:e4759
  5. Kruk JJ, Kortekaas F, Lucas C, Jager-Wittenaar H. Obesity: a systematic review on parental involvement in long-term European childhood weight control interventions with nutritional focus. Obes Rev (2013) Sep; 14(9):745-760
  6. Kuhn J, Wildner M, Gesundheitsmonitor Bayern. Übergewicht und Adipositas bei Kindern in Bayern. Hrsg. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lbensmittelsicherheit, Erlangen, 2005
  7. Llewellyn A, Simmonds M, Owen CG et al. Childhood obesity as a predictor of morbidity in adulthood: a systematic review and meta-analysis. Obes Rev (2016) 17(1):56-67
  8. Nadeau KJ, Maahs DM, Daniels SR, Eckel RH., Childhood obesity and cardiovascular disease: links and prevention strategies, Nat Rev Cardiol. (2011) Jun 14;8(9):513-25. doi: 10.1038/nrcardio.2011.86.
  9. Nader PR, O´Brien M, Houts R, Bradley R, Belsky J, Crosnoe R, Friedman S, Mei Z, Susman EJ; National Institute of Child Health and Human Development Early Child Care Research Network, Pediatrics (2006) Sep; 118(3): e594-601
  10. Rolland-Cachera MF, Deheeger M, Bellisle F, Sempe M, Guilloud-Bataille M, Patois E, Adiposity rebound in children: a simple indicator for predicting obesity. Am J Clin Nutr (1984) 39, 129-135
  11. Schienkiewitz A, Brettschneider A-K, Damerow S, Schaffrath Rosario A. Übergewicht und Adipositas im Kindes und Jugendalter in Deutschland Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends Journal of Health Monitoring (2018) ;3:16
  12. Whitaker RC, Wright JA, Pepe MS, Seidel KD, Dietz WH. Predicting obesity in young adulthood from Childhood and parental obesity. N Engl. J Med (1997) 337(13): 869-873
  13. Xia Q, Grant SF.,The genetics of human obesity, Ann N Y Acad Sci. (2013) Apr;1281:178-90. doi: 10.1111/nyas.12020.
  14. Yates, N. The Economic Burden of Obesity in Germany: Results from the Population Based KORA Studies. Obesity Facts (2016) DOI: 10.1159/000452248
  15. Zwiauer K., Adipositas im Kindes- und Jugendalter - Prävention und Therapie, in: Adipositas - Ursachen und Therapie, Hrsg. Wechsler J. G., Blackwell Verlag, 213 - 228, Berlin, 2003
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